FACETTENREICH


GROSSE JAHRESAUSSTELLUNG VON GERDI GUTPERLE

13. November 2018 - 17. Februar 2019

Für Gerdi Gutperle ist die eigene künstlerische Arbeit so wichtig und inspirierend wie für andere Menschen Brot und Wasser zum Leben. Mit scheinbar unerschöpflicher Energie arbeitet sie oft bis spät in die Nacht und hinterlässt im Laufe eines Jahres ein Werk, für das manch anderer ein Leben brauchen würde. Erst ein Jahr ist es her, dass sie uns eine große Ausstellung anlässlich ihres 25-jährigen Jubiläums als Künstlerin präsentierte. Unter dem Titel „Facettenreich“ zeigt sie nun, 2018, Arbeiten in sehr vielfältigen, künstlerischen Techniken, aber dennoch, einem roten Faden folgend, mit einem die Werke verbindenden Duktus und in einem gemeinsamen Farbklang.

Die Gemälde sind vorwiegend gegenstandslos. In einigen wenigen Fällen erinnern hingehauchte Konturen an Menschen, die in ihrer Umgebung, bestehend aus üppiger, abstrahierter Vegetation oder Wasser, aufgehen und mit den Elementen verschmelzen. Schwingende Linien addieren sich zu beweglichen Formationen, tanzen mit anmutiger Leichtigkeit über die Leinwand und hinterlassen den Eindruck eines unendlichen Stroms. Kräftige Farben setzen sich in Szene, leben durch die Kontraste und ihre Leuchtkraft. Die Palette reicht von Violett- und Rottönen über gelb und weiß. Trotz der Dynamik entsteht weder Unruhe noch Hast, sicher auch deshalb, weil die einzelnen Formen nicht kompakt mit geschlossenen Oberflächen daherkommen. Sie malt in Öl auf Leinwand. Dabei legt sie Strich neben Strich, mal kräftiger mal zarter aufgetragen und manchmal auch so, dass die Farbe pastos auf der Fläche liegt. Räumlichkeit entsteht durch die sich verschlingenden Farbbahnen, auch deshalb, weil Gerdi Gutperle beim Malen in Schichten arbeitet. Selten ist eine Fläche glatt monochrom gehalten. Helle und dunkle Farben überlagern sich, schimmern transparent und suggerieren auf diese Weise Tiefe. Die Künstlerin führt den Pinsel mit Schwung und Leichtigkeit, mal fein, sich am Ende zerfasernd, mal kräftig und breit. Sie zeigt uns viele Facetten. Langeweile kommt nicht auf, hat man doch das Gefühl, immer wieder Neues entdecken zu können, sowohl im Detail als auch in der Gesamtheit des Bildes.

In diesen Werken spiegelt sich Gerdi Gutperles tiefe Verbindung zu Spirituellem, zu Kosmos und Natur. Titel wie Baumerzählungen, Fee, Farbe und Licht, Gravitationswellen, Rad des Lebens und Sphärenklänge weisen in eine Richtung, die in unserem realitätsgeprägten Leben nicht präsent ist. Die Titel vermitteln Weite, Offenheit und sogar Freiheit. Sie regen die Phantasie und damit die Vorstellungskraft des Betrachters an. Dieser entwickelt im Schauen seine eigenen Geschichten. Die Bilder ermutigen durch die Vielfältigkeit der Malweise, die Strukturen, Farben und Inhalte immer wieder zum Hinsehen, sind immer wieder neu und spannend.

Rückblickend beschreibt Gerdi Gutperle ihre Hinwendung zur Kunst im Jahr 1997 als eine Zäsur in ihrem Leben. Lange in ihr ruhende Potentiale kamen zu Tage und ihr Leben veränderte sich von Grund auf. „Das Leben gilt für mich als nicht gelebt, wenn ich nicht ständig im Wandel sein kann. Für mich ist das Leben leben, mich stets zu entfalten, mich weiter zu entwickeln, all das zu verwirklichen und umzusetzen, was in mir angelegt ist“[1]. Mit diesen Worten schildert Gerdi Gutperle, was sie als Mensch und Künstlerin bewegt, antreibt und motiviert. Es ist der eigene Wandel und die Entwicklung, die in ihrem künstlerischen Schaffen und dessen Vielseitigkeit Ausdruck finden.

Als Künstlerin war es ihr wichtig, ihre Arbeit auf eine solide handwerklich technische Basis zu stellen. Sie besuchte die Hochschule für Gestaltung in Wiesbaden und nahm an vielen Weiterbildungen im In- und Ausland teil. Mehrwöchige Arbeitsaufenthalte, vor allem in Italien und Spanien, sowie Reisen durch die ganze Welt prägten ihre künstlerische Handschrift, ihr Sehen und Empfinden.

Gerade für die Erschaffung von Kunstobjekten mit dem Werkstoff Ton ist die Beherrschung des Materials, das Wissen um das Zusammenspiel von keramischem Werkstoff, Glasur und dem Einwirken des Feuers von immenser Bedeutung. Ohne diese Kenntnis kann nichts Großes entstehen.

Gerdi Gutperle beweist uns auch in diesem Jahr, dass sie eine Meisterin des Faches ist. Seit ihrer Ausstellung „Garten Eden“ in 2017 beschäftigt sie immer wieder das Thema der Kugel als Symbol für Welt und, weiter gedacht, als eines für den Apfel. Kreisrunde Körper werden überzogen mit unterschiedlichen Formen, wodurch das Kunstwerk in seinem Volumen unterstrichen wird und noch mehr Präsens ausstrahlt als es eine einfache Kugel könnte. Einige wenige rote Blüten winden sich um einen weißen, mit leichtem Craquelé versehenen Korpus. Viele kleine, wie Blütentrichter anmutende Formen überziehen einen grünlichbraunen Körper und erinnern dabei an die Kontinente unserer Erde. Ausgehend von dieser Urform baut Gerdi Gutperle eine große Schale aus einzelnen schmalen Tonbahnen. Streifen legt sich neben Streifen, wobei sie einen voluminösen, kugeligen Bauch bilden. Der Rand ist nach oben nicht gleichmäßig abgeschlossen, sondern endet unregelmäßig mit dem Ende einer jeden Bahn. Um die Aufmerksamkeit auf die Form zu lenken, hat die Künstlerin die Schale außen in einem matten Türkis und innen in einem unregelmäßigen beigen bis braunen Ton glasiert.

Gerdi Gutperle ist eine Künstlerin, die durch ihre Vielseitigkeit fasziniert und uns immer wieder auf Neues hoffen lässt.

Dr. Bettina Broxtermann


[1] Gerdi Gutperle in, Ursprünge des Lebens. Malerei von Gerdi Gutperle, o.O. 2008